Spezialmodul · Klinisches Denken
Red Flags
🚨 Notfall-Kompass

Red Flags erkennen, priorisieren, handeln

Dieses Lernmodul trainiert genau das, was in der mündlichen Prüfung zählt: nicht nur Diagnosen aufzählen, sondern gefährliche Verläufe aktiv erkennen, Notfälle sicher ausschließen und die Grenzen der Heilpraktikerbehandlung sauber benennen.

1.Vitalgefahr
2.Red Flags
3.HP-Grenzen
4.DD & Plan
Grundregel

Red Flags zuerst – nicht zuletzt

Red Flags sind Warnzeichen für potenziell lebensbedrohliche, akut behandlungsbedürftige oder rechtlich relevante Zustände. In der Prüfung solltest du bei jedem Leitsymptom zuerst zeigen: Ich erkenne Gefahr. Ich verzögere keine notwendige Diagnostik. Ich kenne meine Grenzen.

Leitsymptom → Ersteindruck/Vitalparameter → Red Flags aktiv abfragen → Notfall ja/nein → HP-Grenzen/IfSG prüfen → gefährlichste DD nennen → weiteres Vorgehen

🚨 Was Red Flags bedeuten

  • akut gefährlicher Verlauf möglich
  • ärztliche oder klinische Abklärung notwendig
  • keine rein naturheilkundliche Behandlung
  • keine Verzögerung durch „erstmal beobachten“

🧠 Prüfungslogik

  • erst Gefährliches ausschließen
  • dann harmlose Ursachen einordnen
  • immer Entscheidung begründen
  • nicht nur Listen auswendig aufsagen

✅ Satz, der fast immer passt

  • „Ich prüfe zunächst, ob Red Flags vorliegen.“
  • „Bei Red Flags behandle ich nicht weiter.“
  • „Ich veranlasse ärztliche bzw. notfallmedizinische Abklärung.“
Entscheidung

Die Red-Flags-Ampel

Rot: Notruf / Klinik sofort

  • Bewusstseinsstörung, Krampfanfall, Schock
  • akute Atemnot, Zyanose, Sprechdyspnoe
  • neurologische Ausfälle, FAST positiv
  • Vernichtungsschmerz / akuter Thoraxschmerz
  • akutes Abdomen, Peritonismus
  • Sepsiszeichen, Meningismus, Petechien

Gelb: dringend ärztlich

  • ungeklärter Gewichtsverlust
  • persistierendes Fieber
  • Blut im Stuhl/Urin/Sputum
  • neue starke oder progrediente Schmerzen
  • Therapieversagen / deutliche Verschlechterung
  • Tumorverdacht, Nachtschweiß, Leistungsknick

Grün: HP-Behandlung möglich

  • keine Red Flags
  • stabiler Allgemeinzustand
  • klare Verlaufskontrolle vereinbart
  • Aufklärung über Warnzeichen erfolgt
  • Dokumentation vollständig
Merke: „Grün“ bedeutet nicht sorglos. Auch bei unauffälligem Befund brauchst du Verlaufskontrolle und klare Sicherheitsnetze: Was soll der Patient tun, wenn es schlimmer wird?
Leitsymptom-Block

Kopf, Neurologie & Bewusstsein

Neurologische Red Flags sind prüfungsrelevant, weil Zeit entscheidend sein kann. Schlaganfall, SAB, Meningitis, Hirndruck und Intoxikationen dürfen nicht übersehen werden.

LeitsymptomRed FlagsGefährliche DDKonsequenz
Kopfschmerzplötzlich stärkster Kopfschmerz, „wie noch nie“, Meningismus, Fieber, Bewusstseinsstörung, neurologische Ausfälle, Trauma, neu ab 50 J.SAB, Meningitis/Enzephalitis, Schlaganfall, Tumor/Hirndruck, Arteriitis temporalisNotfall/ärztlich sofort
SchwindelDoppelbilder, Dysarthrie, Ataxie, Paresen, Sensibilitätsstörung, Synkope, ThoraxschmerzHirnstammischämie, Schlaganfall, Rhythmusstörung, HypoglykämieNotfallzeichen prüfen, neurologische Abklärung
KrampfanfallErstanfall, Status epilepticus, Schwangerschaft, Fieber, Kopftrauma, Hypoglykämiezeichen, IntoxikationEpilepsie, Blutung, Tumor, Eklampsie, StoffwechselentgleisungNotruf bei Status/Erstanfall/unklarer Ursache
Bewusstseinsstörungjede akute Veränderung, Somnolenz, Koma, Verwirrtheit, Atemauffälligkeit, HypoglykämiezeichenABCDE-Notfall, Sepsis, Schlaganfall, Intoxikation, Hypoglykämieimmer akut abklären
Prüfungssatz: „Bei akut stärkstem Kopfschmerz, Meningismus, Fieber oder neurologischen Ausfällen denke ich an potenziell lebensbedrohliche Ursachen wie SAB, Meningitis oder Schlaganfall und veranlasse sofortige Abklärung.“
Akutmedizin

Thorax, Atmung & Kreislauf

Brustschmerz

  • Vernichtungsschmerz, Druck/Enge
  • Ausstrahlung Arm, Kiefer, Rücken, Oberbauch
  • kalter Schweiß, Übelkeit, Todesangst
  • Dyspnoe, Synkope, Hypotonie
  • plötzlich reißender Schmerz

Atemnot

  • Zyanose, Sprechdyspnoe
  • Stridor, Schwellung Lippen/Zunge
  • einseitig fehlendes Atemgeräusch
  • Hämoptysen
  • akute Verschlechterung bei Asthma/COPD

Herzrasen / Palpitationen

  • Synkope/Präsynkope
  • Thoraxschmerz
  • Kreislaufinstabilität
  • neu aufgetretenes Vorhofflimmern
  • sehr hohe oder unregelmäßige Frequenz
Thoraxschmerz + Kaltschweißigkeit + Übelkeit → ACS bis zum Beweis des Gegenteils plötzliche Dyspnoe + Thoraxschmerz + Risikofaktoren → Lungenembolie mitdenken reißender Rücken-/Thoraxschmerz + Blutdruckdifferenz → Aortendissektion ausschließen Stridor + Schleimhautschwellung + Kreislaufzeichen → Anaphylaxie-Notfall
Bauchschmerz

Abdomen & Urogenitaltrakt

LeitsymptomRed FlagsGefährliche DDPrüfungsfokus
BauchschmerzAbwehrspannung, Loslassschmerz, brettharter Bauch, Fieber, Schock, Blutung, SchwangerschaftAppendizitis, Perforation, Ileus, Pankreatitis, EUG, Aneurysmaakutes Abdomen ausschließen
ErbrechenBlut, galliges Erbrechen, Exsikkose, neurologische Zeichen, Säugling/AlterIleus, Hirndruck, GI-Blutung, IntoxikationVolumenstatus, neurologische Zeichen
DurchfallBlut, hohes Fieber, Exsikkose, Reiseanamnese, Immunsuppression, starke Schmerzeninfektiöse Kolitis, CED-Schub, SepsisrisikoIfSG und Dehydratation
Hämaturieschmerzlose Makrohämaturie, Flankenschmerz + Fieber, GerinnungshemmungTumor, Pyelonephritis, Stein, Glomerulonephritisärztliche Abklärung
Typischer Fehler: Bauchschmerz sofort naturheilkundlich einordnen. Besser: erst Peritonismus, Blutung, Schwangerschaft/EUG, Ileus, Pankreatitis und Kreislaufinstabilität ausschließen.
Infektion

Fieber, Sepsis & Infektionsschutz

Sepsisverdacht

  • Fieber oder Hypothermie
  • Tachykardie, Tachypnoe
  • Hypotonie, kalte/marmorierte Haut
  • Verwirrtheit, Somnolenz
  • reduzierter Allgemeinzustand
  • rasche Verschlechterung

Meningitisverdacht

  • Fieber + Kopfschmerz
  • Nackensteifigkeit
  • Lichtscheu
  • Petechien/Purpura
  • Bewusstseinsstörung

IfSG / HP-Grenzen

  • meldepflichtige Erkrankungen prüfen
  • Behandlungsverbote beachten
  • Hygienemaßnahmen dokumentieren
  • Gemeinschaftseinrichtungen berücksichtigen
  • keine Verzögerung ärztlicher Therapie
Prüfungssatz: „Bei Fieber mit Petechien, Meningismus, Bewusstseinsstörung oder Kreislaufinstabilität denke ich an Sepsis/Meningitis und veranlasse sofort den Notruf.“
Orthopädie

Rücken, Gelenke & Bewegungsapparat

Rückenschmerz-Red-Flags

  • Blasen-/Mastdarmstörung
  • Reithosenanästhesie
  • progrediente Paresen
  • Fieber, Immunsuppression, i.v.-Drogen
  • Tumoranamnese, Nachtschmerz
  • Trauma/Osteoporose

Akut heißes Gelenk

  • Rötung, Überwärmung, Schwellung
  • Fieber oder Schüttelfrost
  • starke Bewegungseinschränkung
  • Immunsuppression
  • Verdacht auf septische Arthritis

Wichtige DD

  • Cauda-equina-Syndrom
  • Spondylodiszitis
  • Fraktur
  • Tumor/Metastasen
  • septische Arthritis
Sichtbefund

Haut & sichtbare Warnzeichen

BefundRed FlagDenke anKonsequenz
Petechien/Purpuranicht wegdrückbar + Fieber/reduzierter AZMeningokokkensepsis, Sepsis, GerinnungsstörungNotfall
MuttermalABCDE auffällig, Blutung, schnelles Wachstummalignes MelanomDermatologie
ErysipelverdachtFieber, starke Schmerzen, Ausbreitung, Immunsuppressionbakterielle Infektion, Sepsisrisikoärztliche Therapie
UrtikariaAtemnot, Zungen-/Lippenschwellung, KreislaufzeichenAnaphylaxieNotfall
Psyche

Suizidalität, Psychose & akute Krise

Akute Selbst- oder Fremdgefährdung

  • konkrete Suizidpläne
  • vorhandene Mittel
  • fehlende Absprachefähigkeit
  • psychotische Symptome
  • massive Agitation
  • Drohungen/Gewaltimpulse

Schwere Krise

  • Manie mit Kontrollverlust
  • Wahn/Halluzinationen
  • schwere Depression
  • Intoxikation
  • Entzugssymptome

Professionelles Vorgehen

  • direkt und ruhig fragen
  • nicht allein lassen bei akuter Gefahr
  • Krisendienst/Notruf/ärztliche Hilfe
  • Dokumentation
Wichtig: In der Prüfung nicht beschönigen. Bei konkreter Selbst- oder Fremdgefährdung ist keine normale HP-Behandlung angezeigt, sondern akute Krisenintervention.
Risikogruppen

Kinder, Schwangerschaft & Geriatrie

Kinder

  • Trinkschwäche, Apathie
  • Fieber bei Säuglingen
  • Atemnot, Einziehungen, Nasenflügeln
  • Dehydratation
  • Petechien
  • Krampfanfälle

Schwangerschaft

  • Blutung, starke Bauchschmerzen
  • Kopfschmerz + Sehstörungen
  • Krampfanfall
  • Fieber, reduzierter AZ
  • Verdacht auf EUG/Präeklampsie

Geriatrie

  • plötzliche Verwirrtheit
  • Sturz unter Antikoagulation
  • Exsikkose
  • atypische Infektzeichen
  • rascher Funktionsverlust
Prüfungsstruktur

SprintMed-Schema für jedes Leitsymptom

1Ersteindruck

Wirkt der Patient akut krank? Bewusstsein, Atmung, Kreislauf?

2Vitalparameter

RR, Puls, AF, Temperatur, SpO₂, ggf. BZ.

3Red Flags

Aktiv abfragen, nicht erst am Ende erwähnen.

4Gefährliche DD

Worst first: Was darf ich nicht übersehen?

5HP-Grenzen

IfSG, Notfall, ärztliche Abklärung, Dokumentation.

6Plan

Notruf, Arzt, Beobachtung oder HP-Behandlung mit Sicherheitsnetz.

Antwortstruktur in der Prüfung: „Ich würde zuerst die Vitalparameter und den Allgemeinzustand prüfen. Dann frage ich gezielt Red Flags ab. Bei [konkrete Red Flag] denke ich an [gefährliche DD] und würde nicht weiter behandeln, sondern [Notruf/ärztliche Abklärung] veranlassen. Wenn keine Red Flags vorliegen, kann ich nach Anamnese und Untersuchung weitere DDs prüfen und den Verlauf eng kontrollieren.“
Spickzettel

Formulierungen, die in der mündlichen Prüfung stark wirken

Wenn Red Flags vorliegen

  • „Das ist für mich ein Ausschlusskriterium für eine HP-Behandlung.“
  • „Ich würde hier keine Zeit durch eigene Therapie verlieren.“
  • „Ich veranlasse sofortige ärztliche bzw. notfallmedizinische Abklärung.“
  • „Ich dokumentiere Befund, Aufklärung und Maßnahme.“

Wenn keine Red Flags vorliegen

  • „Nach Ausschluss akuter Warnzeichen erhebe ich die vollständige Anamnese.“
  • „Ich untersuche gezielt und formuliere Differenzialdiagnosen.“
  • „Ich vereinbare klare Wiedervorstellung und Warnzeichen.“
  • „Bei Verschlechterung erfolgt ärztliche Abklärung.“

Mini-Merksatz

Rot vor Grün: Erst Notfall, dann Differentialdiagnose. Erst Grenze, dann Behandlung.